Wer ist Bram Stoker?

Der Siegeszug der Künstlichen Intelligenz


11.04.2018, Lesezeit: ~4min

Können Sie sich noch an „Jeopardy“ erinnern. Die Quizshow, die in den USA durchgehend seit 1964 läuft und zu den beliebtesten Fernsehformaten zählt, war in den 90ern des vergangenen Jahrhunderts auch bei uns sehr populär. Frank Elstner stellte täglich jeweils 3 Kandidaten Fragen zu den unterschiedlichsten Wissensgebieten. Genau genommen gab Elstner die Antworten vor, zu denen die Kandidaten die passenden Fragen finden mussten. Erfolgreiche Jeopardy Spieler müssen mehrere Eigenschaften mitbringen: Sie müssen schnell sein, über viel Wissen und – auf Grund der oftmals komplizierten „Fragestellung“ -  auch über eine große Kombinationsgabe verfügen. Erschwerend kommt dazu, dass für falsche Antworten Geld abgezogen wird. Sie müssen also auch blitzschnell abwägen, ob es sich auszahlt den Buzzer zu drücken.

In den USA begrüßte Moderator Alex Trebek am 14. Februar 2011 nur 2 menschliche Kandidaten: Ken Jennings – er hatte einige Jahre zuvor Jeopardy 74mal in Serie gewonnen und ein Preisgeld von insgesamt 3.170.000 US Dollar erspielt – und Brad Rutter. Dieser wiederum hatte Jennings beim „Ultimate Tournament der Champions“ besiegt und die Kleinigkeit von 3,4 Millionen Dollar gewonnen. Als dritten Teilnehmer der Show durfte der Moderator an diesem Tag „Watson“ begrüßen. Watson, der erste nicht-menschliche Kandidat in der Geschichte der Sendung, war einer der ersten Supercomputer von IBM. Obwohl die menschlichen Kandidaten alte Hasen waren, vertraut mit dem Spiel und all seinen Eigenheiten, schlug Watson - sie ahnen es bereits - die menschlichen Konkurrenten vernichtend. Watson war nicht nur extrem schnell, er beantwortete – wenn auch nicht ganz fehlerlos – den weit überwiegenden Teil der Fragen richtig. Am dritten und letzten Tag des Turniers hatte der Computer über 77.000 Dollar – und somit dreimal soviel wie seine menschlichen Gegner – erspielt und sicherte sich mit der letzten Frage „Wer ist Bram Stoker“ überlegen den Sieg. Jennings, der Zweiter wurde, gratulierte dem Sieger mit dem Satz: „Ich persönlich heiße unsere neuen Herrscher, die Computer, herzlich willkommen“.

Was Watson in der Show leistete ist vielleicht am besten an folgender Situation festzumachen: Eine Antwort lautete: „Im Mai 1898 feierte Portugal den 400. Jahrestag der Ankunft dieses Entdeckers in Indien.“ Um die passende Frage – „Wer ist Vasco da Gama“ – zu finden, musste Watson erstmal herausfinden, dass es nicht um 1898 sondern um 1498 geht. Er musste einen Entdecker finden, der etwas mit Portugal und Indien zu tun hat. In seinen Datenbanken stieß Watson auf den Eintrag, dass Vasco da Gama am 27. Mai 1498 an einem Strand in der Region Malabar gelandet war. Um das nun mit dem genannten Hinweis in Verbindung zu bringen, musste der Computer nun auch noch herausfinden, dass „landen“ ein Synonym für „Ankunft“ sein kann und dass Malabar in Indien liegt. Dazu braucht es gigantische Datenbanken, eine enorme Rechenleistung und die Fähigkeit, unstrukturierte Texte analysieren zu können.

Sie können den originalen Watson besichtigen, wenn Sie IBM in New York besuchen. Er ist ungefähr so groß wie ein normales Zimmer, in dem 10 kühlschrank-große Computer die Wände bilden. Spacig sieht er aus, in blaues Licht getaucht, ein wenig wie aus einem Science-Fiction Film. Seine „Nachkommen“ unterscheiden sich sehr stark. Man kann sie nicht mehr besichtigen, sie existieren nur noch als Zusammenschluss von vielen hundert Servern irgendwo in der Cloud. Genauso wie wir Strom konsumieren, ohne ein eigenes Kraftwerk zu betreiben, dient Watson heute als künstliche Intelligenz gleichzeitig vielen tausend IBM Kunden auf der ganzen Welt. Auch Sie hatten mit hoher Wahrscheinlichkeit ohne es zu wissen schon mit ihm zu tun: Wenn nicht direkt, dann zum Beispiel über eine Applikation, die sie auf Ihrem Smartphone benutzten oder über eine Software, die auf Ihrem Computer läuft. Vielleicht hat Watson schon für Sie übersetzt, Ihnen ein Flugticket zu buchenoder gar schon Ihren Arzt dabei unterstützt, eine Diagnose zu stellen.

Wir sehen: Es geht nicht um das Thema „Wir gegen die Maschinen“, so wie es in Jeopardy praktiziert wurde. Um wieviel besser hätten die beiden menschlichen Kandidaten abschneiden können, wenn sie – genau wir ihr Konkurrent Watson – Zugriff auf Wissensdatenbanken gehabt hätten, die den Umfang der Encyclopedia Britannica um das 16fache übertreffen. Nicht immer hat der Computer recht, manche Facetten der menschlichen Kommunikation kann eine Maschine (noch) nicht verstehen. Ironie zum Beispiel ist schwer zu verarbeiten. Wichtiger wird für unsere Zukunft sein ein „Wir gemeinsam mit den Maschinen“ in unser Leben zu holen. Ein gutes Beispiel dafür ist das Schachspiel: Als der amtierenden Weltmeister im Jahr 1997 dem Schachcomputer „Deep Mind“ – so wie Watson auch ein Produkt von IBM – unterlegen war, verloren Duelle Mensch gegen Maschine ihren Reiz, da klar war, dass der Wettstreit sich in Zukunft wohl sehr einseitig gestalten würde. Doch das war ein Irrtum: Durch die Erfindung der Freistil-Schachturniere (Teams können mit jeder denkbaren Kombination aus menschlicher und künstlicher Intelligenz zu diesen Turnieren antreten) wurde klar, dass die Kombination Mensch UND Maschine selbst dem stärksten Computer überlegen ist. So wie Sie gelegentlich das Navigationssystem Ihres Autos „overrulen“, weil Sie vielleicht einen Schleichweg kennen oder wissen, dass um eine bestimmte Tageszeit eine andere Route besser als die Vorgeschlagene sein kann, so zeigt es sich, dass auch beim Schach die Kombination aus menschlicher Strategie und dem „Wissen“ des Computers den anderen Varianten überlegen ist.

In dieser Kombination liegt aus meiner Sicht auch Zukunft und Chance für die Menschheit. Ein guter Arzt kann mit Unterstützung von künstlicher Intelligenz zu einem noch besseren Arzt werden. Und es geht nicht nur um den Arzt, sondern auch um den Piloten, den Koch, den Lehrer, den Künstler und noch viele tausend andere Berufe. Ganz sicher birgt der Einsatz von künstlicher Intelligenz auch Gefahren, aus meiner Sicht aber noch viel mehr Chancen. Wir haben es in der Hand, das „Wissen“ und die Fähigkeiten der Maschinen zu unserem Vorteil zu nutzen – als Verbündete wie beim Schach, nicht als Gegner, wie bei Jeopardy - als nächste Stufe der Evolution.

Das war der Start einer Serie von Blog Beiträgen, in denen ich gerne immer wieder über aktuelle Entwicklungen berichten werde. Stay tuned. ;-)



Mag. (FH) Peter Bachmann

Gastautor - Unternehmensberater

peter@disruption.at



Quellen:

Kevin Kelly: The Inevitable: Understanding the 12 Technological Forces That Will Shape Our Future

Erik Brynjolfsson, Andrew McAfee: The Second Machine Age: Work, Progress, and Prosperity in a Time of Brilliant Technologies

Ulrich Eberl: Smarte Maschinen - Wie Künstliche Intelligenz unser Leben verändert

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